Outdoor/02.05.2017

Zum Tod von Ueli Steck: „Im Spitzenalpinismus gibt es immer ein Restrisiko"

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Der Tod von Extrem-Bergsteiger Ueli Steck hat die Bergsport-Szene tief erschüttert. In einem Gastbeitrag schreibt Outdoor-Urgestein Bernd Kullmann, selbst Everest-Bezwinger und früherer Solo-Alpinist, wie er den tragischen Unfall im Himalaya einordnet.

Ueli Steck galt – nicht nur für Bernd Kullmann – als der herausragende Bergsteiger unserer Zeit.
Ueli Steck galt – nicht nur für Bernd Kullmann – als der herausragende Bergsteiger unserer Zeit.

Reinhold Messners größte Leistung war, die 14 Achttausender und die erfolglosen Versuche dazwischen überlebt zu haben. Wenn jemand sich derart an der Grenze bewegt wie die heutigen Spitzenbergsteiger, dann besteht die Kunst schon darin, es entsprechend zu dosieren und rechtzeitig aufzuhören. Denn dass das extreme Bergsteigen auch süchtig machen kann, daran besteht kein Zweifel.

Ein Hubschrauber bringt die sterblichen Überreste von Ueli Steck nach Kathmandu.
Ein Hubschrauber bringt die sterblichen Überreste von Ueli Steck nach Kathmandu.

„Berühmt zu werden, war Ueli Steck egal“

Die wirklich Großen der Zunft machen das allerdings nicht für die Öffentlichkeit. Ueli Steck war nicht so von seinen Sponsoren abhängig wie andere Alpinisten und hat in dieser Hinsicht kaum Druck gespürt. Seine Motivation ist eine ganz einfache gewesen: Wenn du Spitzenleistungen vollbringst – dann willst du diese steigern. Wenn du merkst, du bist fit, dann willst du immer mehr. Das war Uelis Antrieb. Nicht, bekannt und berühmt zu werden. Das war ihm egal. Er war immer ein sehr bescheidener und bodenständiger Mensch. Und einfach besonders talentiert und besonders fleißig.

Lesen Sie hier: Der tragische Tod von Ueli Steck am Nuptse

In der Kombination von Geschwindigkeit und anspruchsvollem Gelände war Ueli der beste Bergsteiger der Welt. Die technische Herausforderung bei der Überschreitung von Everest und Lhotse war nicht die Krux – anspruchsvolles alpines Gelände hat er sicher draufgehabt. Eine Eiger-Nordwand etwa ist technisch gesehen viel schwerer. Die Schwierigkeit wäre die lange Zeit über 8000 Metern, das Biwak in der Todeszone auf dem Everest-Südsattel gewesen. Aber auch das hätte er draufgehabt. Was er vorhatte, war keine Anmaßung.


Problematisch ist es nun, wenn Laien über Spitzenleistungen im Bergsport urteilen. Dann kommt schnell die Kritik: Das ist lebensmüde und nicht mehr zu verantworten. Diesen Vorwurf wird Ueli kein Bergsteiger machen, sondern nur jemand, der die Begeisterung und die Leidenschaft nicht versteht, für das was er tat. Der Laie hat auch keine Ahnung, dass jemand wie Ueli sich immer und akribisch auf seine Touren vorbereitet hat, dass er trainiert hat wie ein Besessener. Er hat alles geplant, er hat alle von ihm beeinflussbaren Faktoren optimiert. Und natürlich wusste er, dass er auch ums Leben kommen kann.

„Wenn ein Steigeisen rutscht, dann war es das"

Man muss ganz einfach feststellen: Der Spitzenalpinismus bewegt sich in einem Bereich, in dem es immer ein Restrisiko gibt – und das gar nicht mal so klein. Vor allem beim Höhenbergsteigen. Und es ist auch klar: Je häufiger sich jemand in eine derartige Gefahr begibt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann etwas passiert.

Ueli Steck kommt bei einem Unglück im Himalaya ums Leben: Das sind die Reaktionen der Outdoor-Welt.

40 Jahre nach Messners wildem Solo-Ritt: Die besten Bergsteiger der Welt

Reinhold Messner ist der in Deutschland wohl bekannteste Kletterer. Der Südtiroler war der erste Mensch, der den Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen hat (1978) und stand als erster überhaupt auf den Gipfeln aller 14 Achttausender (1986). Der Allrounder bestieg zudem als Erster einen Achttausender im Alleingang (Nanga Parbat, 1978).
Der Trauerzug auf Tenzing Norgays Beerdigung 1986 war über einen Kilometer lang. Kein Wunder: In Tibet war Norgay ein Volksheld. Gemeinsam mit dem Neuseeländer Edmund Hillary war der Sherpa 1953 der erste Mensch auf dem Gipfel des Mount Everest. Reich wurde der 1914 geborene Norgay dadurch aber nie. Noch nach seiner Pensionierung arbeitete er als Reiseleiter für US-Agenturen.
Dani Arnold: Der 1984 geborene Schweizer ist vor allem mit seinen Speedclimbing-Projekten berühmt geworden. Mit Landsmann Ueli Steck lieferte er sich ein jahrelanges Duell um den Rekord an der Eiger-Nordwand. 2010 gelang ihm gemeinsam mit zwei Begleitern die erste Winterbesteigung des Torre Egger in Patagonien. Die enorm anspruchsvolle Mixedkletterroute The Hurting in Schottland meisterte Arnold als erster Nicht-Schotte überhaupt.
Schon mit 19 war der Italiener Walter Bonatti (1930-2011) in den schwierigsten Wänden der Alpen unterwegs. Zudem gehörte er 1954 zur Expedition, der die Erstbesteigung des K2 gelang. Der Südwest-Pfeiler des Petit Dru wurde nach Bonattis sechstägigem Alleingang 1955 „Bonattipfeiler“ genannt. 1961 war er Teil der Mont-Blanc-Expedition, der bei der Freney-Tragödie am Mont Blanc vier Alpinisten zu Opfer fielen. Im selben Jahr beendete Bonatti seine Laufbahn als Extrem-Alpinist.
Mit der Besteigung des K2 wurde Gerlinde Kaltenbrunner 2011 die dritte Frau überhaupt, die alle 8000er erklommen hat und die erste, die dies ohne mitgeführten Sauerstoff vollbracht hat. Die 1970 geborene Österreicherin hält allerdings wenig auf Rekorde: „Wenn es mir nur um den Rekord ginge, hätte ich überall die leichteste Route genommen […] Ich lege keinen Wert darauf, die Erste zu sein.“
Hermann Buhl (1924-1957) bezwang als erster Mensch überhaupt den Nanga Parbat und gehörte zu den Erstbesteigern des Broad Peak. 1957 stürzte Buhl am Chogolisa (7654 m) ab und gilt seitdem als verschollen. Seine Aufstiege mit nur leichtem Gepäck revolutionierten den Alpinismus. Buhl war der erste, der einen Achttausender auf dem Schlussstück allein und ohne mitgeführten Sauerstoff bestiegen hat.
Als erste Frau überhaupt hat Edurne Pasaban alle 14 Achttausender bestiegen (die Expeditionen der Koreanerin Oh Eun-Sun gelten derzeit als nicht offiziell anerkannt). Die 1973 geborene Spanierin verlor dabei am K2 durch Erfrierungserscheinungen zwei Zehen. 2011 wurde sie in Spanien als Sportlerin des Jahres ausgezeichnet.
Würde man den Broad Peak Central als eigenständigen Gipfel anerkennen, gäbe es nur einen Menschen, der die dann vorhandenen 15 Achttausender bestiegen hätte: Jerzy Kukuczka (1948-1989). Der Pole war nach Reinhold Messner der zweite Mensch, der alle Achttausender bestiegen hat. 1989 kam Kukuczka an der Lhotse-Südwand ums Leben, nachdem er zwei Kilometer in die Tiefe gestürzt ist.
Als jüngere Hälfte der „Huberbuam“ machte sich Alexander Huber einen Namen als Extremkletterer. Der Bayer hält diverse Speed-Rekorde und ist einer der prägenden Free-Climber des 21. Jahrhunderts. Huber kletterte als erster Mensch überhaupt eine 9a+-Route (Open Air am Schleierwasserfall in Österreich)
David Lama, Jahrgang 1990, gehört zur neuen Garde der Extremkletterer. Der Österreicher mit nepalesischen Vater kletterte bereits mit zehn Jahren seine erste 8a-Route – so früh wie kein anderer. Sein größter Erfolg war dabei die erste freie Begehung der Kompressor-Route am Cerro Torre im Jahr 2012. 2017 bezwang er die Eiger-Nordwand über die Heckmair-Route.
„Swiss Machine“ wurde Ueli Steck (1976-2017) genannt, kein Wunder: Der Speed-Climber knackte reihenweise Rekorde auf hochalpinen Routen. Vom 11. Juni bis 11. August 2015 bestieg Steck alle 82 Viertausender der Alpen. 2014 erhielt der Schweizer den Piolet d’Or, nachdem er im Jahr zuvor die Annapurna-Südwand nach eigenen Angaben in 28 Stunden Solo durchstieg. 2017 kam Steck bei einer Trainingsbesteigung am Nuptse ums Leben
Reinhold Messner ist der in Deutschland wohl bekannteste Kletterer. Der Südtiroler war der erste Mensch, der den Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen hat (1978) und stand als erster überhaupt auf den Gipfeln aller 14 Achttausender (1986). Der Allrounder bestieg zudem als Erster einen Achttausender im Alleingang (Nanga Parbat, 1978).
Der Trauerzug auf Tenzing Norgays Beerdigung 1986 war über einen Kilometer lang. Kein Wunder: In Tibet war Norgay ein Volksheld. Gemeinsam mit dem Neuseeländer Edmund Hillary war der Sherpa 1953 der erste Mensch auf dem Gipfel des Mount Everest. Reich wurde der 1914 geborene Norgay dadurch aber nie. Noch nach seiner Pensionierung arbeitete er als Reiseleiter für US-Agenturen.
Dani Arnold: Der 1984 geborene Schweizer ist vor allem mit seinen Speedclimbing-Projekten berühmt geworden. Mit Landsmann Ueli Steck lieferte er sich ein jahrelanges Duell um den Rekord an der Eiger-Nordwand. 2010 gelang ihm gemeinsam mit zwei Begleitern die erste Winterbesteigung des Torre Egger in Patagonien. Die enorm anspruchsvolle Mixedkletterroute The Hurting in Schottland meisterte Arnold als erster Nicht-Schotte überhaupt.
Schon mit 19 war der Italiener Walter Bonatti (1930-2011) in den schwierigsten Wänden der Alpen unterwegs. Zudem gehörte er 1954 zur Expedition, der die Erstbesteigung des K2 gelang. Der Südwest-Pfeiler des Petit Dru wurde nach Bonattis sechstägigem Alleingang 1955 „Bonattipfeiler“ genannt. 1961 war er Teil der Mont-Blanc-Expedition, der bei der Freney-Tragödie am Mont Blanc vier Alpinisten zu Opfer fielen. Im selben Jahr beendete Bonatti seine Laufbahn als Extrem-Alpinist.
Mit der Besteigung des K2 wurde Gerlinde Kaltenbrunner 2011 die dritte Frau überhaupt, die alle 8000er erklommen hat und die erste, die dies ohne mitgeführten Sauerstoff vollbracht hat. Die 1970 geborene Österreicherin hält allerdings wenig auf Rekorde: „Wenn es mir nur um den Rekord ginge, hätte ich überall die leichteste Route genommen […] Ich lege keinen Wert darauf, die Erste zu sein.“
Hermann Buhl (1924-1957) bezwang als erster Mensch überhaupt den Nanga Parbat und gehörte zu den Erstbesteigern des Broad Peak. 1957 stürzte Buhl am Chogolisa (7654 m) ab und gilt seitdem als verschollen. Seine Aufstiege mit nur leichtem Gepäck revolutionierten den Alpinismus. Buhl war der erste, der einen Achttausender auf dem Schlussstück allein und ohne mitgeführten Sauerstoff bestiegen hat.
Als erste Frau überhaupt hat Edurne Pasaban alle 14 Achttausender bestiegen (die Expeditionen der Koreanerin Oh Eun-Sun gelten derzeit als nicht offiziell anerkannt). Die 1973 geborene Spanierin verlor dabei am K2 durch Erfrierungserscheinungen zwei Zehen. 2011 wurde sie in Spanien als Sportlerin des Jahres ausgezeichnet.
Würde man den Broad Peak Central als eigenständigen Gipfel anerkennen, gäbe es nur einen Menschen, der die dann vorhandenen 15 Achttausender bestiegen hätte: Jerzy Kukuczka (1948-1989). Der Pole war nach Reinhold Messner der zweite Mensch, der alle Achttausender bestiegen hat. 1989 kam Kukuczka an der Lhotse-Südwand ums Leben, nachdem er zwei Kilometer in die Tiefe gestürzt ist.
Als jüngere Hälfte der „Huberbuam“ machte sich Alexander Huber einen Namen als Extremkletterer. Der Bayer hält diverse Speed-Rekorde und ist einer der prägenden Free-Climber des 21. Jahrhunderts. Huber kletterte als erster Mensch überhaupt eine 9a+-Route (Open Air am Schleierwasserfall in Österreich)
David Lama, Jahrgang 1990, gehört zur neuen Garde der Extremkletterer. Der Österreicher mit nepalesischen Vater kletterte bereits mit zehn Jahren seine erste 8a-Route – so früh wie kein anderer. Sein größter Erfolg war dabei die erste freie Begehung der Kompressor-Route am Cerro Torre im Jahr 2012. 2017 bezwang er die Eiger-Nordwand über die Heckmair-Route.
„Swiss Machine“ wurde Ueli Steck (1976-2017) genannt, kein Wunder: Der Speed-Climber knackte reihenweise Rekorde auf hochalpinen Routen. Vom 11. Juni bis 11. August 2015 bestieg Steck alle 82 Viertausender der Alpen. 2014 erhielt der Schweizer den Piolet d’Or, nachdem er im Jahr zuvor die Annapurna-Südwand nach eigenen Angaben in 28 Stunden Solo durchstieg. 2017 kam Steck bei einer Trainingsbesteigung am Nuptse ums Leben

Tatsächlich ist der Absturz nun sogar auf einer Akklimatisierungstour am Nuptse passiert. Ich habe Ueli einmal auf der ISPO MUNICH getroffen, dort hat er mir geschildert, dass er die große Gefahr vor allem im etwa 50 Grad steilen Eis sieht, weil er dort seine Eisgeräte gar nicht benutzt, um noch schneller zu sein. Er steht dann nur noch auf seinen Frontalzacken der Steigeisen.

Und wenn ein Eisen rutscht, dann war es das. Ich vermute, dass genau das am Nuptse passiert ist. Tragischerweise ist es oft das vermeintlich leichte Gelände, das Spitzenbergsteigern zum Verhängnis wird. Ein Herrmann Buhl etwa ist an der Chogalisa in Pakistan an einer Wechte ums Leben gekommen, nicht im extremen Gelände.

Die Überschreitung des Everest gefolgt vom Lhotse war das Ziel von Ueli Stecks letzter Tour.
Die Überschreitung des Everest gefolgt vom Lhotse war das Ziel von Ueli Stecks letzter Tour.
Bildcredit:
iStock

Ganz nüchtern festgestellt: Die Todesrate der Topleute ist hoch. Nach meinem Unfall beim Soloklettern im Schwarzwald, den ich mit viel Glück überlebt hatte, habe ich mit den Solobegehungen aufgehört. Ich bin risikoscheuer geworden und in die Angsthasenfraktion konvertiert. Ueli hingegen war in einem Alter, in dem die Leistungsfähigkeit noch da war. Er war noch nicht reif, seine Ansprüche derart herunterzufahren. Die Überschreitung von Lhotse und Everest wäre seine Krönung geworden.

„Wir haben nur den Hut gezogen: Wahnsinn“

Ueli hinterlässt ein einzigartiges Vermächtnis. Für mich war er ganz klar mitverantwortlich, dass es im Bergsteigen, dass zuvor über Jahrzehnte stagniert hatte, zu einer Leistungsexplosion kam. Die Kombination aus schwer und schnell, gleichzeitig souverän und elegant, hat er dominiert. Die legendäre Route Colton-MacIntyre an den Grandes Jorasses, für die ich mit Mitte 50 mit einem jungen, starken Partner 14 Stunden gebraucht hatte, hat Ueli in weniger als drei Stunden geschafft. Wir haben nur den Hut gezogen: Wahnsinn! Er kannte die Route nicht mal. Seinen Spitznamen „The Swiss Machine“ hatte er völlig zurecht.

Zum Autor:

1978 stand Bernd Kullmann in Levi’s-Jeans auf dem Mount Everest – die Geschichte dieser ungewöhnlichen Gipfelbesteigung ist in Bergsport-Kreisen weltberühmt. Das Wort von „Mr. Deuter“ hat Gewicht in der Outdoor-Branche, auch wenn der 62-Jährige nicht mehr Geschäftsführer des Rucksack-Herstellers ist.




Mit Rucksack-Hersteller Deuter und als Persönlichkeit prägt Bernd Kullmann die Outdoor-Branche. Autor*in: Bernd Kullmann